„Ich bin ein visueller Typ“ sagt sie zu mir – „ich muss es mit eigenen Augen sehen, dann kann ich es mir besser merken.“ Ja, so geht es wohl vielen Menschen, dass uns das, was wir mit eigenen Augen sehen, eher glaubhaft und begreifbar ist, obwohl man in Zeiten von KI auch da seinen Augen nicht mehr ohne Weiteres trauen kann, werden heutzutage doch Bilder so geschickt manipuliert, dass so mancher das Gesehene irrtümlich für wahr erachtet. Eine gesunde Skepsis ist also durchaus angebracht.
Dabei gibt es unterschiedliche Beweggründe, skeptisch zu sein: weil etwas zu schön erscheint, um wahr zu sein; weil etwas so schrecklich ist, dass man es gar nicht wahrhaben möchte; weil etwas einfach unglaublich ist und alles bisher für machbar und denkbar Gehaltene übertrifft. Anfang April feiern wir Ostern, das höchste Fest im Kirchenjahr. Es geht um nichts weniger als um die Auferstehung von den Toten, konkret um Jesu Auferstehung. Ein Hoffnungsschimmer für alle, deren Leben von Finsternissen verschiedener Art überschattet ist: weil die Verhältnisse, in denen sie leben, unerträglich sind; weil schwere Krankheit das Leben beeinträchtigt; weil das Leben unaufhaltsam verrinnt und die Gedanken an den nahenden Tod erschrecken; ja, eine Hoffnung für uns alle.
Das Titelbild ist eine wunderbare Illustration für das Ostergeschehen: Das rahmende Dunkel birgt alles, was uns bedrückt und schwer fällt, was uns Angst und Sorgen macht. Nur der Mauerdurchlass in Kreuzform ist von Licht erfüllt und gibt den Blick frei ins Grün, das die Farbe der Hoffnung ist. Nun könnte ein Skeptiker sagen: Was ist schon dabei? Eine alte Mauer, eine Maueröffnung in Kreuzform, dahinter ein Busch, der schon in schönstem Maigrün leuchtet – ein gelungener Schnappschuss, weiter nichts.
So ist das mit dem Glauben: er „sieht“ weiter als das, was vor Augen ist. Und dass der Augenschein allzu oft trügt, dass das, was wir wirklich mit eigenen Augen sehen können, nie die ganze Wahrheit ist, das dürfte doch jedem klar sein. Weil die Wahrheit immer größer, umfassender ist, als unser Verstand begreifen kann. Das fängt schon bei der Definition des Begriffes Wahrheit an – vielleicht haben sie die Frage des Pilatus im Ohr, der während des Verhörs von Jesus vor seiner Verurteilung die Frage in den Raum stellt „Was ist Wahrheit?“ Die Antwortversuche zu allen Zeiten fielen, je nach Blickwinkel und Weitsicht, unterschiedlich aus.
Eingedenk dessen muss festgehalten werden, dass es wohl nicht reicht, ein „visueller Typ“ zu sein. Mein eingeschränktes Blickfeld und Sehvermögen reicht nicht, ja es reicht wohl überhaupt nicht, nur mit den Augen zu sehen. So konstatiert der schlaue Fuchs gegenüber dem Kleinen Prinzen (bei Antoine de Saint-Exupéry): „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Er geht sogar noch weiter und sagt: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Es lohnt sich, diese Sätze im Hinblick auf Ostern zu buchstabieren: Wir feiern etwas, was wir nicht sehen, sondern nur aus tiefem Herzen glauben können. Wir hören die alten Überlieferungen, die vom weggerollten Stein vor dem leeren Grab am Ostermorgen berichten und von Frauen und Jüngern, die in Furcht vor dem Unbegreiflichen flohen. Und wir glauben, dass dieses unbegreifliche Geschehen: die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus von den Toten, unser Leben verändert und mit Hoffnung über unser Leben hinaus erfüllt.
Gesegnete Ostertage wünscht Ihnen
Ihre Pfarrerin Christiane Schmidt